Reisebericht  3

Bericht Dr. Bierbaum aus Tansania - 27.08.2000

Von Mto wa Mbu, 29.August 2000, unserem letzten Übernachtungsplatz, is zum Ngorongoro Nationalpark waren es noch 75 km schlechter Wegstrecke. Bis wir endlich am Krater ankamen, war es bereits früher Nachmittag, eigentlich schon zu spät für die Abfahrt in den Krater. Doch mit dem gigantischen Überblick, den man vom Kraterrand aus über den gesamten Park hat, wollten wir uns nicht zufrieden geben, sondern die Tiere doch ganz aus der Nähe erleben und beobachten. Jedoch durften nur unsere vierradangetriebenen Fahrzeuge wegen des 600 Höhenmeter großen steilen Ab- und Anstiegs in den Krater hineinfahren. Der Ngorongoro ist wohl der faszinierendste Tierpark, den es in der Welt gibt. 22 mal 19 km groß ist der Krater, in dem je nach Jahreszeit auf engstem Raum über 30 000 Tiere wie Gnus, Zebras, Büffel und Gazellen leben. Dies bedingt die höchste Löwenpopulation - rund 13000, die es in Afrika gibt.So hatten wir das große Glück, eine zehnköpfige Löwenfamilie ganz hautnah erleben zu können, nachdem sie gerade einen Büffel geschlagen und sich satt gefressen hatte. Faul in der Sonne liegend räkelten sie sich gähnend und gelangweilt, und ließen sich auch durch die vielen Autos, die teils in 2 Meter Abstand stehen geblieben waren, nicht stören. Tausende Antilopen, Zebras und Gnus, dazu Flußpferde, Flamingos, Büffel und zum Schluß ein einzelner Elefant war unsere "Jagdausbeute" an diesem Tag.

Die Nacht verbrachten wir unter bewaffnetem Schutz auf einem Campingplatz am Kraterrand. Plötzlich stand auf dem Platz ein Elefant, der sich, nachdem er entdeckt wurde, schnell in das Dickicht zurückzog. Dort stand er dann 15 Meter von und entfernt und fraß seelenruhig die Blätter und Äste von den Bäumen, ein erregender Moment. Später in der Nacht bewegten sich die Zebras und Antilopen ganz selbstverständlich zwischen unseren Zelten und fraßen sich am grünen Gras des Zeltplatzes satt.

Am nächsten Morgen ging es erst einmal endlos über eine Hochebene, in der man oft keinen Horizont sah und man wirklich zu sehen glaubte, dass die Erde rund ist. Auf diesem Teil der Strecke sah man nur selten Tiere, nur trockenes Gras, Steine und Staub, viel Staub. Unser Ziel war die Serengetisteppe, der mit rund 3 Mill. größeren Säugetieren wildreichste Tierpark der Welt.  Trotzdem galt es die Serengeti schnell zu durchfahren, um die hohen Aufenthalts- und Übernachtungskosten gering zu halten und weil wir wegen des festgesetzen Ankunftszeitpunkts unter Zeitdruck geraten waren. Obwohl sich um diese Zeit die riesigen Kuhantilopen- und Zebraherden wegen der Nahrungsknappheit auf der alljährlichen Wanderung in die Massai-Mara befanden, begegneten wir auf unserer Fahrt durch den "Western Corridor" trotzdem Tausenden von Tieren. Besonders aufregend war eine Elefantenfamilie, die mit einem ganz jungen Kalb unmittelbar am Wegesrand stand und die vielen majestätischen Giraffen mit ihren Jungen und natürlich die riesigen Büffelherden. Unvergesslich bleiben auch die Marabus und Geier, die auf einem toten Wasserbüffel saßen und sich an dem Aas labten. Auch hier war der Zustand der Schotterpiste so schlecht, dass zeitweise wegen einem erheblichen Defekt an der Lenkung des einen Autos erst nach einer notdürftigen Reparatur weitergefahren werden konnte. Dadurch kamen wir erst lange nach dem Dunkel werden in Bunda, der nächsten Ortschaft, an.Trotzdem fanden wir ein akzeptables Nachtquartier und in einem der lokalen Restaurants ein schmackhaftes Abendessen. Wir hatten den Viktoria See erreicht, den zweitgrößten Süßwassersee der Erde. Die letzten 40 km bis nach Mwanza war ein einziger Alptraum. Dort nach langer, mühsamer Fahrt endlich angekommen, gaben wir zwei unserer Autos zunächst in die Werkstatt. Eine kaputte Motor- und Getriebaufhängung am „Zebra“, unserem im Safari-Look gestreifeten Land-Rover, und völlig ruinierte Stoßdämpfer an einem zweiten Auto waren der Anlass dazu. Alle Fahrzeuge waren in Deutschland gründlich durchgecheckt und auch TÜV abgenommen worden, und gerade diese Stoßdämpfer waren für gut befunden worden.
Dass die notwendigen Ersatzteil vorrätig waren, war ein kleines Wunder.

Auch in Mwanza selbst waren die Straßen in einem sehr schlechten Zustand, obwohl dies die zweitgrößte Stadt Tansanias ist und einen sehr bedeutsamen Hafen hat. Angeblich sollen jedoch bald alle Straßen mit Hilfe der EG neu ausgebaut werden.  In Mwanza waren wir Gast bei afrikanischen Schwestern, die sich rührig um uns kümmerten. Zufällig lernten wir dort eine schweizerische Franziskanerin kennen, eine äußerst beeindruckende Frau, die in den letzten Jahren mit riesigem Engagement einen großen Montessori Kindergarten und eine Kindergärtnerinnenschule aufgebaut hat. Ihre nächste große Aufgabe ist es, eine dazugehörende Grundschule zu errichten. Zurzeit kämpft sie um die Finanzierung und hofft natürlich auch auf Geld aus Deutschland. Mit einem Fährschiff mußten wir über einen tief in das Land einschneidenden Arm des Viktoriasees, die Mwanza-Bucht, auf die andere Seite übergesetzt werden. Wieder fuhren wir durch eine typisch ländliche und sehr ärmliche Gegend. Idyllische afrikanische Dorfszenen und freundlich winkende Menschen entschädigten uns für die staubige, mühselige Fahrt. Die Landschaft war extrem trocken und staubig, denn seit zwanzig Jahren hat es im Westen Tansanias nicht mehr so wenig geregnet wie in diesem Jahr. Selbst die sonst so saftig und frisch grünen Bananenhaine waren streckenweise wie vertrocknet. Die Nacht verbrachten wir im Bischofshaus in Geita als Gäste des gerade erst neu geweihten Bischofs. Da auch der frühere Bischof zu Besuch weilte, hatten wir viele eindrucksvolle Gespräche über die politische Situation im Lande und über die Bemühungen der Kirche, mit den Problemen und Herausforderungen der derzeitigen Lage fertig zu werden. Immer wieder wurden wir auf die Notwendigkeit einer Verbesserung der schulischen und beruflichen Bildung hingewiesen, aber auch auf die Bemühungen der Regierung Tansanias und auf ihre fehlenden materiellen Möglichkeiten.

Der letzte Teil der Fahrt bis zur ruandischen Grenze ging durch teilweise menschenleeres Gebiet, ebenfalls gezeichnet durch die extreme Dürre. Hier merkte man jedoch schon sehr deutlich, wie die Ortschaften immer kleiner und schäbiger wurden, die Armut größer und die Zeichen der Zivilisation immer geringer. So gab es auf den letzten 150 km bis zur Grenze nur noch Diesel an der Tankstellen, der mühselig mit per Hand aus den Tanks gepumpt wurde, denn Strom gab es dort nicht. Da drei unserer Fahrzeuge Super brauchten, wären wir fast in Benzinprobleme geraten.  Ungefähr 20 km vor der ruandischen Grenze erschreckten uns kahlgeschlagene Berghänge. Alles sah tot und verwüstet aus. Bald begriffen wir, dass dies die Folgen der ruandischen  Flüchtlingskatastrophe von 1994 war.

Dies war das Gebiet, wo sich bis vor 3-4 Jahren ein riesiges Flüchtlingslager mit bis zu 600 000 ruandischen Flüchtlingen befunden hatte. Die katastrophalen ökologischen Schäden waren unübersehbar, eine Wiederaufforstung wäre dringend angezeigt, doch wen interessiert es und wer soll es finanzieren?  Die letzte Nacht waren wir Gast beim tansanischen Roten Kreuz, das die über 100 000 burundische Flüchtlinge, die nun in dieser Gegend in Lagern leben, versorgt. Freundlichkeit und Herzlichkeit der Offiziellen waren wieder beeindruckend, auch wenn uns durch grobe Unachtsamkeit unsererseits eine Kamera gestohlen wurde. Der Grenzübergang nach Ruanda war völlig problemlos, außer dass wir uns ohne größere Vorwarnung wieder auf den Rechtsverkehr einstellen mussten, denn in Kenia, wie auch in Tansania besteht wie in England Linksverkehr. Langsam änderte sich die Landschaft, die Besiedlung nahm rasch zu, wir waren im Land der tausend Hügel, wie sich Ruanda gerne nennt...